Terrorismus - vor einem Paradigmenwechsel?

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Veröffentlicht in Sicherheitspolitik der Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung Nr. 4 / Juli 2003, www.sicherheitspolitik.ch Die nachfolgend skizzierten Informationen, Gedankengänge und Schlussfolgerungen beruhen vorwiegend auf Gesprächen, die der Autor mit Sicherheitsexperten verschiedenster Länder geführt hat. Darüber hinaus werden Eindrücke verwertet und eingearbeitet, die durch Kontakte dort gewonnen wurden, was man im weitesten Sinn als «Sympathisantenszene» des Terrorismus bezeichnen könnte. Aus naheliegenden Gründen muss auf die Benennung von Quellen verzichtet werden. Wenn im Titel von «Paradigmenwechsel» die Rede ist, dann soll damit nicht suggeriert werden, dass völlig neue Erkenntnisse vorgestellt werden, wohl aber, dass das, was man bisher weiss und Hypothesen, die als etabliert gelten können, in einen breiteren Kontext gestellt werden sollen. Allerdings erscheint dadurch das Objekt der Überlegungen und Untersuchungen in vielerlei Hinsicht in einem anderen Licht. Es gibt eine Vielzahl völlig verschiedener Terrorismen (gemeinsamer Nenner allerdings ist das grundsätzliche in- Kauf-Nehmen von Zufallsopfern), die sich in ihrer geographischen Reichweite, in Zielsetzung und Methodik unterscheiden. In diesem Artikel soll allerdings eine Einschränkung auf jenen Typus von Terrorismus erfolgen, der mit einem höchst unpräzisen Pauschalbegriff als «islamistischer Terrorismus» bezeichnet wird. Das Problem: Der 11. 9. 2001 hat eine Lawine von Reaktionen losgetreten: In einer ganzen Reihe von Staaten, die sich als potentielles Zielobjekt weiterer terroristischer Operationen ansehen mussten, wurden juristische und organisatorische «Sicherheitspakete» geschnürt, in den USA kam es zur Etablierung einer eigenen gigantischen Sicherheitsbehörde. Diese impliziert eine so weitreichende Umschichtung von Resourcen, dass sogar Experten, die die Bedeutung von «homeland defence» nie bestreiten würden, trotzdem darauf hinwiesen, dass damit eine Ausdünnung der Mittel in anderen Bereichen, etwa des Zivilschutzes, einhergeht, die so weit geht, dass mit grosser Sicherheit immer wieder auftretende Handlungszwänge (beispielsweise bei der Beseitigung von Schäden, die durch Unwetter verursacht werden) nur mehr ungenügend flankiert werden können. Darüber hinaus hat sich in der US-security community das Prinzip der «anticipatory defence» durchgesetzt, wonach Gefährdungen der nationalen Sicherheit auch dann schon heute militärisch neutralisiert werden dürfen, wenn die Realisierung solcher Gefährdung erst in der Zukunft als möglich (nicht: als feststehend) kalkuliert werden kann. Des Weiteren wurden im «Windschatten» des «9/11-Schocks» immerhin zwei Kriege geführt und die militärische- und intelligence- Präsenz der USA in einigen «Problemre-gionen», unter anderem von Zentralasien über die fast gesamte Golfregion und seit neuerem in dem vom Jemen sich bis nach Ostafrika hinunterziehenden Bogen terroristischen Potentials wesentlich verstärkt. Der massiven Reaktion auf «9/11» liegt eine altbekannte Erfahrungstatsache mit zu Grunde: Selten auftretende Gefährdungen mit einem hohen Schadenspotential werden heftigere Schutzreaktionen hervorrufen, als häufiger auftretende Gefährdungen mit einem relativ geringen Schadenspotential. Von daher können auch die massiven Reaktionen nach den Anschlägen von New York und Washington als verständlich und, - als solche -, (nicht unbedingt in ihren konkreten Manifestationen) auch als rational angesehen werden, wenn man noch einen Faktor in das globale Bild einfügt, nämlich die grundsätzliche Zugriffsmöglichkeit terroristischer Organisationen auf Massenvernichtungsmittel. Damit aber ist ein so extrem hohes Schadenspotential gegeben, das auch bei geringer Eintrittsfrequenz jede Vorbeugung rechtfertigen würde, wenn zwei weitere Voraussetzungen als gegeben angesehen werden können: 1. Die Bereitschaft der Terroristen, Massenvernichtungsmittel auch tatsächlich einzusetzen und 2. Die Möglichkeit sich Massenvernichtungsmöglichkeiten zu verschaffen und diese auch effektiv zum Einsatz zu bringen. Dass beide Voraussetzungen als positiv gegeben anzusehen sind, darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Wer bereit ist, einige tausend Zufallsopfer zu weltanschaulichen Demonstrationszwecken dadurch in Kauf zu nehmen, dass er Verkehrsflugzeuge in Wolkenkratzer fliegt oder fliegen lässt, dürfte auch wenige Hemmungen haben, Massenvernichtungsmittel einzusetzen. Auch hinsichtlich der Möglichkeit sich Massenvernichtungsmittel zu beschaffen, sollte man sich nicht von den Chören der Beschwichtiger einschläfern lassen: Jede nicht-staatliche Organisation, die über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, über ein gewisses Minimum an Erfahrung in konspirativen Operationen und die Verschwiegenheit auch nur einer Provinzbank, könnte sich früher oder später biologische, chemische, radiologische oder nukleare Waffen bzw. deren sämtliche Komponenten auf dem mehr oder weniger grauen Markt heute kaufen. Nota bene: Es gibt hierbei keinerlei grundsätzlichen und unüberwindlichen Schwierigkeiten, sondern allenfalls unterschiedliche Grad der Schwierigkeit bei Beschaffung und/oder Herstellung! Damit aber liegt eine Frage auf der Hand, die uns näher an das Problem heran-führt, das wir in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus haben. Diese Frage lautet: Warum, wenn die beiden oben skizzierten Voraussetzungen gegeben sind, sind, mit Ausnahme des zweimaligen Sarin-Einsatzes durch die Aum- Sekte, terroristische Operationen unter Einsatz von Massenvernichtungsmitteln bisher ausgeblieben? Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen? Darauf wurden bisher eine ganze Reihe von Antworten angeboten, von denen die folgenden diskutiert werden sollen: 1. Der Überwachungs- und Verfolgungsdruck durch Nachrichtendienste und Sicherheitsorgane ist so gross, dass es heute faktisch unmöglich ist, spektakuläre Operationen unter Einsatz von Massenvernichtungsmitteln durchzuführen. 2. Durch den Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan hat der Terrorismus die Basis verloren, die er zur Durchführung von Grossoperationen benötigen würde. 3. Mit Ausnahme einiger unbedeutender regionaler Terroristengruppen gibt es keine terroristischen Organisationen, die in echter Unabhängigkeit von Staaten agieren. Da diese Staaten aber massive Sanktionen im Fall des Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln durch «ihre» Terroristen fürchten müssten, werden sie diese so lange nicht «von der Leine lassen», bis sie sich durch Aufbau eines eigenen Abschreckungspotentials vor solchen Sanktionen sicher fühlen können. Das aber ist heute noch in keinem der als Terrorismussponsoren in Frage kommenden Staaten der Fall und somit halten sie «ihre» Terroristen in ihren Aktionen unterhalb der Schwelle, oberhalb welcher sie Sanktionen befürchten müssten. 4. Terroristische Organisationen agieren wissentlich oder unwissentlich unter «falscher Flagge». Die tatsächlichen Auftraggeber haben aber kein Interesse daran, dass ihre Beauftragten zu grosse Schäden hervorrufen und dadurch das System der internationalen Beziehungen und/oder auch einfach die Weltwirtschaft so weit destabilisieren, dass Kühe, die man eigentlich melken will, geschlachtet werden. Zu 1: Der Überwachungs- und Verfolgungsdruck ist so gross. Obwohl es nicht bestritten werden kann, dass die Vorwarn- und Kontrollschwellen inzwischen beträchtlich angehoben worden sind, wäre es doch eine gefährliche Illusion zu glauben, dass man zum Einsatz von Massenvernichtungsmitteln bereite und dazu fähige Organisationen nachrichtendienstlich ausreichend im Griff hat. Und auch die rigorosesten Kontrollprozeduren an den Grenzen oder auch im Inneren von Zielländern wären für hochmotivierte Terroristen keine grundsätzlich unüberwindlichen Hindernisse; vor allem auch schon deshalb nicht, weil, vielleicht mit Ausnahme von kompletten nuklearen Sprengköpfen, es sich um «dual use»- Mittel handeln würde, die in allen potentiellen Zielländern aus Komponenten erstellt werden könnten, deren Aneignung keine grundsätzlichen Schwierigkeiten entgegenstehen würde. Zu 2: Basis verloren. Auch der Glaube, dass die Beseitigung des Taliban- Regimes den Niedergang des Terrorismus besiegelt hat und alle nachfolgenden Aktionen deshalb nur noch «letzte Zuckungen» eines schliesslich im Sterben befindlichen Organismus sind, muss mit Fragezeichen versehen werden: «9/11» bedurfte letztlich nicht der afghanischen Basis und selbst wenn sich bis jetzt noch keine andere angeboten haben sollte, - vorausgesetzt der Terrorismus käme ohne eine solche nicht aus -, was ebenfalls bezweifelt werden darf, dann muss darauf hingewiesen werden, dass Afghanistan mitnichten unter ausreichender Kontrolle der Regierung in Kabul und ihrer ausländischen Verbündeten steht. Ernstzunehmende Informationen deuten vielmehr darauf hin, dass sich ganze Provinzen mehr und mehr der Kontrolle Kabuls entziehen und auch in einigen Regionen der Einfluss der Taliban wieder soweit konsolidiert ist, dass sie ohne weiteres als Basis des Terrorismus fungieren könnten, wenn das denn überhaupt eine entscheidende Voraussetzung für dessen Handlungsfähigkeit wäre. Das Ausbleiben von Grossoperationen des Typus «9/11» kann nicht mit den Vorgängen in Afghanistan erklärt werden, vor allem dann nicht, wenn man sich vor Augen hält, wie gross die Zahl von «failed states» eigentlich ist, die jederzeit die Funktion eines «Flugzeugträgers des Terrorismus» übernehmen könnten. Zu 3: Keine echte Unabhängigkeit von Staaten. Diese Hypothese zählt zu den wirklich interessanten, vor allem wenn Hinweise aus sehr ernst zu nehmenden Quellen zutreffen, nach denen einsatzbereite Massenvernichtungsmittel in einigen Zielländern vorhanden sind, die deshalb noch nicht zum Einsatz gekommen sind, weil die grundsätzlichen Informationen dazu gewonnen werden konnten und die Zielländer daraufhin so massive Drohungen an alle möglichen Sponsorenstaaten gerichtet haben, dass diese auf eine Freigabe bisher verzichtet haben. Aber auch wenn es stimmt, dass der Terrorismus in weitem Mass von staatlichen Interessen und staatlicher Steuerung nicht unabhängig ist, muss doch im Zuge der Entstaatlichung des Systems der internationalen Beziehung mit der Emanzipation des Terrorismus hin zu einem transnationalen Phänomen, gerechnet werden. Dann gilt: Je transnationaler der Terrorismus, umso geringer der Einfluss von Sponsorenstaaten und um so grösser seine tatsächliche Gefährlichkeit. Zu 4: Organisationen agieren unter «falscher Flagge» Auch diese Hypothese, kann erheblich zum Verständnis des bisherigen Ausbleibens wirklich katastrophaler Aktionen beitragen. Das Bild der kollabierenden Türme des WTC in der Erinnerung, mag es zynisch erscheinen, von «wirklich katastrophalen Aktionen» zu sprechen. Aber wenn man sich vor Augen hält, welches Ausmass an konkreter Verseuchung und psychologischem Zusammenbruch die technisch nicht unvorstellbare Ausbringung bestimmter radioaktiver Materialien verursachen würde (eine entsprechende Kalkulation wurde unlängst in der «Sicherheitspolitik» angestellt), dann wird deutlich, dass allen möglichen Befürchtungen extrem weite Grenzen zu setzen sind. Die Hypothese ist vor allem auch deshalb interessant, weil einer ihrer wichtigen Aspekte die Affinität von nicht unbedeutenden wirtschaftlichen Subjekten und Terrorismus beinhalten kann. Dieser Aspekt ist in der bisherigen Debatte zum Thema weitgehend vernachlässigt worden. Tatsache ist: Ganze Firmengruppen, mit den Schwerpunktregionen, Ostafrika, Mittlerer Osten, Süd- und Südostasien, lassen beträchtliche Teile ihrer Einkünfte in jene Bereiche sozial- religiös geprägter Strukturen diffundieren, in denen die Manager des Terrorismus ihr menschliches Potential aufwachsen sehen können. Wenn man dann noch einen Schritt weiter geht und von einer zunehmenden Symbiose dieser wirtschaftlichen Entitäten und den terroristischen Strukturen ausgeht, woran wenig Zweifel bestehen kann, dann muss man auch die Frage stellen, ob es vorstellbar ist, dass, wenn «Symbiose» nicht mit «Einbahnstrasse » verwechselt werden darf, jene Wirtschaftsunternehmen nicht auch über ihre Anteile in der Wirtschaft potentieller Zielländer dort Verhaltensweisen fördern, die im Interesse des Terrorismus liegen: Nicht auszuschliessen ist beispielweise, dass ein Unternehmen «X» mit Schwerpunkt in einem westlichen Land, in dem ein Unternehmen «Y» mit starker Affinität zu terroristischen Strukturen grosse Teile von Anteilen hält, Einfluss im Sinne seines «Partners », etwa auf gewisse Regierungsentscheidungen zu nehmen versucht. Man benötigt nicht allzu viel Phantasie um sich vorzustellen, dass Drohungen mit Kapitalentzug bzw. Verlust von Arbeitsplätzen, eine Regierung zu freundlicherem Verhalten gegenüber einem Land veranlassen, das Terrorismus sponsert, nutzt oder auch vielleicht nur duldet, als das ohne die wirtschaftliche Interdependenz der Fall wäre. Dass es solche Fälle bereits gegeben hat, darüber sollte kein grosser Zweifel bestehen. In allen oben skizzierten Hypothesen ist mehr oder weniger Wahrheit enthalten, trotzdem sagen uns diese Wahrheiten noch nicht allzu viel darüber, wie der uns beschäftigende Terrorismus strukturiert ist und wie er funktioniert. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass jeder Analytiker dazu neigt, seine Überlegungen auf der Basis seiner Erfahrungen d. h. auch in dem Rahmen anzustellen, den ihm sein soziokultureller Hintergrund zur Verfügung stellt. Unsere Theorien über den Terrorismus sind in diesem Sinn soziomorph. Das ist unser Hauptproblem. Einige Unterscheidungen Wie Miles Kahler in seinem für das Jahrestreffen der APSA (29.8. - 1.9.2002, Boston, MA) verfassten Paper skizziert, geht es bei der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit dem uns beschäftigenden Typ von Terrorismus um «states versus networks», wobei es dem westlichen Denken ausserordentlich schwer fallen dürfte (das sind darauf aufbauend die Gedanken des Autors) sich von der seiner Erfahrungswelt entnommenen Vorstellung von zwar demokratisch legitimierten, aber doch hierarchischen Entscheidungsprozessen und einer das Handeln des grösseren Ganzen bestimmenden Zweckrationalität zu lösen. Was uns aber bei der Untersuchung terroristischer Entitäten des Al Qaida- Typus begegnet, ist etwas ganz anderes: Wir finden ein ausserordentlich hohes Mass an Dezentralisierung, einen hochflexiblen «Markt» an menschlichem Potential und einen überraschend kleinen Führungskern, der seine Aufgabe weniger in der Steuerung konkreter Operationen sieht, als vielmehr in seiner «Katalysatorfunktion» als Einiger der sich zum «Krieg gegen die Kreuzfahrer» berufen fühlenden «islamischen Massen». Kahler formuliert dazu so: « Al Qaeda´s organizational success may have lain in ist combination of a network organization with hierarchy at the core and a fluid «market» supplying personnel and resources at the periphery of the organization » (Kahler, ibid.) Zur Skizzierung des Charakters einer solchen Organisation kann ein musikalischer Vergleich nützlich sein: Es handelt sich nicht um ein europäisches Orchester, das seine Partituren zwar in Grenzen interpretierend, aber doch am Notenblatt hängend in Musik umsetzt, sondern eher um eine Jazzband, die zwar ein vorgegebenes Thema spielt, aber dabei der Improvisation der einzelnen Musiker maximalen Freiraum lässt. Das Ideal Ideal wäre dann erreicht, wenn die Improvisation der einzelnen Musiker sich quasi «stichwortgebend» zu einem neuen Gesamteindruck des vorgegebenen Themas zusammenfügt. So gesehen war der Einsturz des WTC ein Beispiel dafür, wie gelungene Improvisation sich zu einem terroristischen Gesamteindruck mit gewaltiger Wirkung auf alle Adressaten, zusammenfügen kann.Wo stehen wir heute? Einer der am besten über die terroristische Szene, ihre Entwicklungsdynamik und Perspektiven informierten Gesprächspartner gab mir auf die Frage, wann was zu erwarten sei an neuen Anschlägen, die Antwort: «Der Westen versteht nicht, was der Araber unter «Weisheit der Wüste» versteht, er kann nicht nachvollziehen, dass die Leute, die das wachsende Potential der Ablehnung westlicher Werte, Handlungsweisen und Zweckrationalität gegen den Westen zu organisieren versuchen, vor allem andere Zeitvorstellungen haben und viel Geduld.» Diese Einschätzung kann zu einer realistischen Beurteilung führen: Es geht den Urhebern des Terrors um spektakuläre Anschläge vor allem nur zu dem Zweck, um das antiwestliche Potential, das sich als Folge von mit Globalisierung zusammenhängenden Abkoppelungsprozessen ganzer Gesellschaften bildet, zusammenzuschweissen. Nicht der Anschlag als solcher ist also das Ziel, sondern die Schaffung eines Identifikationsrahmens mittels der mit dem Anschlag freigesetzten Symbolik. Es geht zum heutigen Zeitpunkt also nicht in erster Linie um den Schaden, der angerichtet wird, sondern um die dadurch geförderte Konstituierung und Festigung einer zur westlichen alternativen Lebenswelt. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Zeitpläne der Terroristen als wesentlich langfristiger angelegt, als die Abwehrstrategien westlicher Designer von «Sicherheitspaketen». Wir haben es also mit einem Gegner zu tun, der geduldiger ist, dessen organisatorische Strukturen ungemein flexibel sind und der mit einem wachsenden Human- und Wirtschaftspotential rechnen kann, wie der obige Hinweis auf gewisse wirtschaftliche Interdependenzen und ihre Konsequenzen, nahelegen sollte. Angesichts eines solchen Gegners erscheint als einzig rationale Verhaltensweise eine Doppelstrategie, die die Abwehr konkreter Bedrohungen durch intelligente Aufklärung ermöglicht und gleichzeitig durch geduldige und höchst flexible Strategien die «Gewaltmärkte» auszutrocknen versucht, deren sich die Terroristen bedienen. Diese Doppelstrategie, so muss allerdings befürchtet werden, wird erst dann ernsthaft in Angriff genommen werden, wenn die Kosten, die sich daraus ergeben, dass eine aufwachsende bedrohliche Gegenwelt ignoriert wird, überhaupt nicht mehr verdrängt werden können. Da die Terroristen bisher erfolgreich unterhalb der Schwelle einer Totalreaktion bleiben, also erfolgreiche «Salamitaktik » betreiben, wird die notwendige Doppelstrategie wohl noch lange auf sich warten lassen.

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Author: Prof. Dr. Klaus Lange