Krieg in Asien?

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Nachfolgend sollen einige Aspekte der Frage genannt werden, wie wahrscheinlich in absehbarer Zeit ein Konflikt zwischen Indien und China ist. Eine Antwort auf diese Frage wird nicht wirklich gegeben, allenfalls werden einige Überlegungen angesprochen, die bei der Suche nach einer Antwort nützlich sein könnten. Die nachfolgenden Bemerkungen erheben auch keinen Anspruch darauf, alle wichtigen Aspekte angesprochen zu haben. Viel müsste zur möglichen Bedeutung der Indien/Pakistan – Problematik für unsere Frage gesagt werden, zur Rolle der USA und nicht zuletzt zur Funktion des globalen Wettlaufs um Ressourcen. Auf all dies wurde verzichtet, um eine Fokussierung auf Grundfragen zu erleichtern.

Die Bedeutung der Frage, ob die Zeichen im Verhältnis zwischen Indien und China mehr auf Kompromiss und Kooperation stehen oder auf Konfrontation, ist von weltgeschichtlich deutlich größerer Bedeutung, als Themen, die derzeit die Diskussion in Europa dominieren, wie Schuldenkrise, Integrationspolitik, Immigration oder die Position gegenüber der friedlichen Nutzung von Kernenergie u.a. Eine größere Konfrontation zwischen den beiden asiatischen Großmächten hätte auf den Rest der Welt absolut unkalkulierbare, aber auf jeden Fall negative, Auswirkungen. Ohne die Märkte in Asien und ohne die zunehmenden weltweiten Investitionen aus Asien, - beides würde im Fall einer größeren militärischen Konfrontation rapide zurückgehen - wäre mit einem Rückgang des globalen Wirtschaftswachstums zu rechnen, der letztendlich auch die Demokratien westlichen Zuschnitts vor kaum zu bewältigende Legitimationsprobleme stellen würde.

Wie wahrscheinlich aber ist es, dass die beiden Asiatischen Giganten eine militärische Lösung ihrer gegenseitigen Probleme riskieren und dadurch auch die restliche Welt in unabsehbare Schwierigkeiten bringen? Wenn man mit Angehörigen der „strategic community“ in beiden Ländern diese Frage stellt, dann kommt es nicht selten vor, dass die Gesprächspartner das jeweils andere Land sinisterer Absichten verdächtigen und auch einen früher oder später zu erwartenden militärischen Konflikt nicht ausschließen. Anders fällt die Antwort aus, wenn man mit Personen in Indien oder China spricht, die gewohnt sind, die Zukunft unter wirtschaftspolitischen – oder unter Aspekten wirtschaftlicher Möglichkeiten zu sehen: Dieser Personenkreis neigt dazu, eine militärische Konfrontation als extrem unwahrscheinlich zu sehen und er sieht das langfristige gegenseitige Verhältnis mehr als „positive sum game“, denn als „zero sum game“. Die Frage, wer näher an der Realität „dran“ ist, Militärstrategen oder Wirtschaftslenker, ist außerordentlich schwierig zu beantworten und es gibt immer wieder „Konjunkturen“ , in der der eine oder der andere der skizzierten Ansätze größere Aufmerksamkeit erhält. Eine zu diesem Zeitpunkt angestellte Bestandsaufnahme scheint auf den ersten Blick denen Recht zu geben, die die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation als im Wachsen begriffen sehen. Die folgenden Indikatoren werden genannt, die angeblich auf zunehmende Spannungen zwischen beiden Ländern hinweisen:

  1. Das jeweilige Verteidigungsbudget beider Staaten ist in einem Maß auf Wachstumskurs befindlich, das das jeweilige, nach internationalen Maßstäben immer noch extrem hohe Wirtschaftswachstum deutlich übersteigt. Die Befürchtung liegt nahe, dass die beiden Verteidigungsbudgets in einen Zustand eines  gegenseitigen „positiven feedback“ eingetreten sind und sich gegenseitig hochschaukeln.
  2. In den indischen Medien häufen sich (einmal mehr) die Berichte über Chinesische Grenzverletzungen entlang der sogenannten „Line of Actual Control (LAC)“ und liefern damit quasi die Begleitmusik zu den erheblichen indischen Anstrengungen, die militärische Infrastruktur in den strittigen Gebieten entlang der LAC zumindest soweit auszubauen, dass sie den diesbezüglichen Chinesischen Vorteil zumindest soweit wett machen können, um eine glaubhafte Abschreckung, sowohl im West – als auch im Ostsektor der LAC erreichen zu können.
  3. In wenigen Wochen ist mit dem ersten Testflug des indischen ballistischen Trägersystems „Agni 5“ zu rechnen, die nach Aussage indischer militärischer Experten eindeutig „China – spezifisch“ ist und mit einer Reichweite von ca. 5000 km ganz China abdecken kann.
  4. Die chinesische Armee hat eben erst umfangreiche Manöver auf dem Qinghai – Tibet Plateau durchgeführt, die von chinesischer Seite offen als Antwort auf die indischen Bemühungen um eine deutlichere militärische Präsenz in den umstrittenen Gebieten apostrophiert wurden und bei denen insbesondere der Angriff von J – 10 Kampfflugzeugen auf Bodenstellungen geprobt wurde.
  5. Der Streit um Hoheitsrechte in der South China Sea, wo indische Unternehmen zusammen mit vietnamesischen Firmen in Gewässern, die von China beansprucht werden, Exploration von Lagerstätten fossiler Energie betreiben, ist derzeit allenfalls vertagt und kann jederzeit zu Eskalations- trächtigen Zusammenstößen führen.
  6. Indische Strategen sprechen gerne von einer Strategie Chinas, Indien durch ein Netz von Stützpunkten, einer „string of pearls“ maritim einzukreisen, während die Chinesen die Inder verdächtigen in Zusammenarbeit mit den USA, Japan, Australien, Vietnam u.a. eine Politik des „containment“ gegenüber China zu unterstützen.
  7. Immer wieder werden in den indischen Medien Aussagen von militärischen – und anderen Experten zitiert, die von einem illegalen Aufenthalt von Angehörigen der Chinesischen Volksbefreiungsarmee im pakistanischen Teil Kashmirs sprechen und so einen chinesischen Truppenaufmarsch in einer extrem sensiblen Region suggerieren.                                                

Die Aufzählung von Hinweisen auf eine näher kommende militärische Konfrontation ließe sich fast beliebig fortsetzen. Trotzdem sprechen mindestens ebenso gewichtige Gründe gegen den Ausbruch größerer militärischer Feindseligkeiten zwischen den beiden potentiellen Kontrahenten. Wenn man mit guten Gründen davon ausgeht, dass es sich auf beiden Seiten um rationale Akteure handelt, die über Krieg oder Frieden entscheiden, dann gibt es eine ganze Reihe schwerwiegender Gründe, die gegen die Annahme wachsender Kriegsgefahr sprechen. Gewichtigster Grund: Ein Sieg wäre nicht möglich. Beide Seiten verfügen über ein Maß an strategischer Tiefe, womit nicht nur geographische Sachverhalte angesprochen sein sollen, sondern auch Ressourcen aller Art, das jeden Gedanken an einen eindeutigen Sieg ausschließt. Allenfalls wären hier und dort territoriale Gewinne vorstellbar, deren Absicherung aber langlebige Dauerkosten verursachen würde. Vor allem wäre ein, aufgrund lähmender Unwägbarkeiten bedingter Rückgang von Investitionen zu erwarten, vor allem aber auch ein dramatischer Ausfall von FDI in beiden Ländern.  Niemand würde langfristig in Indien oder China investieren, wenn beispielsweise China Arunachal Pradesh bzw. „Südtibet“ besetzen würde und dieser Zustand ohne formalen Friedensvertrag, der in einem solchen Fall völlig ausgeschlossen wäre, perpetuiert würde. Die Möglichkeit eines Wiederaufflammens militärischer Feindseligkeiten wäre zu jedem Zeitpunkt zu groß, als dass nennenswerte Investitionsentscheidungen unter solchen Bedingungen vorstellbar wären. Das Bestehen einer Irredenta ist nur schlecht mit Investitionsinteresse vereinbar. Man würde also die Möglichkeit endgültig nicht abzusichernder Geländegewinne mit wirtschaftlicher Stagnation bezahlen. Dieser Preis wäre zu hoch. Ein anderer Grund dafür, dass Krieg keine Option ist, die von den Entscheidungsträgern in Delhi und Beijing ernsthaft erwogen wird, hat mit der Grundproblematik beider Staaten zu tun: China ringt unter Einsatz größter Mittel um die sozioökonomische Integration seiner Westgebiete, nicht zuletzt deshalb, weil es seinen inneren Markt zum Zweck größerer Exportunabhängigkeit erweitern muss. Indien dagegen ist gezwungen, den sozialen Ausgleich in seiner, horizontal wie vertikal,  zutiefst gespaltenen Gesellschaft zu erreichen, soll die Vision von „unity in diversity“ nicht scheitern und die größte Demokratie der Erde in eine Vielzahl antagonistischer „no go – areas“ zerfallen. Der schwierige Kampf um eine tragfähige Identität, den sowohl China als auch Indien, jedes Land unter anderen Vorzeichen, führen, verbietet jedwedes Verheizen von Ressourcen in einem Krieg, der keinen Sieger kennen würde.

Das Gegenargument ist zwar alt, aber deshalb nicht weniger überprüfungswürdig: Gerade die Machteliten von Staaten, die der Gefahr von Destabilisierung ausgesetzt sind, tendieren dazu, durch Beschwörung äußerer Feinde, der dann aus Gründen von Glaubwürdigkeit auch früher oder später deren konkrete Bekämpfung folgen muss, ihre Schwierigkeiten im Feuer militärischer Aktionen zu „verbrennen“ zu versuchen. Vor allem mit Blick auf China lässt sich diese Gefahr nicht ohne weiteres unter den Tisch kehren: Irgendwo unterhalb einer wirtschaftlichen Wachstumsrate von 8% (oder 7% oder auch nur 6%) werden die Legitimationsprobleme für den machtpolitischen status quo so sehr anwachsen, dass nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass die dann verantwortliche Machtelite den militärischen, die Nation zusammen schweißenden Befreiungsschlag nach außen, sucht. Unter anderen Vorzeichen ist eine ähnliche Entwicklung auch für Indien nicht auszuschließen: Wenn bei stetiger Verdunklung wirtschaftlicher Erwartungshorizonte tiefe sozialrevolutionäre und ethnische Bruchlinien aufbrechen, wenn beispielsweise ein Aufschwung der Naxaliten mit einer separatistischen Welle, etwa in den problematischen Regionen des Nordostens, zusammenfällt, dann ist nicht auszuschließen, dass ein fundamentalistischer Hindu – Nationalismus nicht nur den inneren Zusammenhalt mit Gewalt zu erzwingen versucht, sondern auch die Einheit durch Bekämpfung eines äußeren Feindes zu festigen versuchen könnte. Diese Möglichkeit ist heute noch sehr klein und abgesehen von der Affinität einiger Medien in Indien und China zur Beschwörung eines baldigen „show down“ muss doch zugegeben werden, dass die Qualität des Führungspersonals, das heute in beiden Ländern den Ton angibt, groß genug ist, um einen Konflikt, der niemandem nützen, aber allen schaden kann, auszuschließen. Die Machthaber in Delhi und Beijing haben so gut wie nichts mit Säbelrasseln im Stil eines Wilhelm II am Hut.

Leider gilt der Gedanke von Karl Popper, dass Prophezeiungen nicht möglich sind, weil wir heute nicht wissen können, was wir morgen wissen werden, natürlich auch in Bezug auf Indien und China. Unter dem Strich können wir aber, was die mittelfristige Erwartung betrifft, davon ausgehen, dass die Motivationen, die gegen einen Krieg sprechen, überwiegen werden, dass trotz immer wieder entstehender Reibereien der große „show down“ noch länger vertagt werden wird, als manche „Experten“  und die Träger rüstungswirtschaftlicher Einflussoperationen suggerieren wollen.

   

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        24.03.2012

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Author: Prof. Dr. Klaus Lange